Donnerstag, 17. Juli 2008

Dornröschen

Auch Dornröschen ist ein klassisches europäisches Volksmärchen, das in unzähligen Varianten erzählt und festgehalten wurde. Die "Geschichte von Troylus und Zellandine" (aufgeschrieben um 1330) enthält bereits das Motiv der schlafenden Schönheit. Prinzessin Zellandine hatte sich an einer Flachsfaser gestochen und liegt danach schlafend in einem Turmzimmer.

Eine frühe Variante ist das Märchen "Sonne, Mond und Talia" von Giambattista Basile, veröffentlicht 1634-1636. Hier ist Talia der Name der weiblichen Protagonistin. Diese sticht sich wie prophezeit an einer Handfaser. Ihr Vater ("ein vornehmer Herr") lässt die Leiche seiner Tochter im Turmzimmer eines "Lustschloss" aufbahren. Dieses Turmzimmer wird dann verschlossen. Allerdings klettert ein König, der einem Falken* gefolgt ist, an einer Leiter zum Fenster hinein. Er verfällt ihrer Schönheit und versucht sie zu wecken, was ihm jedoch nicht gelingt. Dennoch "trug er sie in seinen Armen auf ein Lager und pflückte die Früchte der Liebe". Neun Monate später wird ein Zwillingspaar geboren. Dieses Zwillingspaar will gesäugt werden und nuckelt an Talias Finger, wodurch diese erwacht. Sie nennt ihre Kinder Sonne und Mond. Schließlich kommt der König zurück zu ihr, die Königin wird eifersüchtig, will Talia samt ihrer Kinder verbrennen lassen, findet dann aber selbst im Feuer ihr Ende.

Bei Charles Perrault heißt das Märchen "Die schlafende Schöne im Walde" (1695). Diese Fassung des Märchens ist der grimmschen Fassung schon recht ähnlich. Es gibt sieben eingeladene Feen und eine beleidigte achte. Das Mädchen sticht sich nicht an einer Faser, sondern der Spindel, schläft hundert Jahre und wird durch einen Königssohn erlöst. Es bedarf dazu keines Kusses, sein Erscheinen genügt. (Er kniet vor ihrer Schönheit nieder.) Die beiden heiraten natürlich und bekommen Kinder. Allerdings ist das Märchen damit noch nicht zuende, denn die Mutter des Prinzen ist Menschenfresserin und will die Prinzessin und ihre Kinder verspeisen. Natürlich schafft sie es nicht, sondern fällt in einen Trog, in dem sich auch wilde Tiere befinden, die sie dann auffressen.

In der hierzulande bekannten "Dornröschen"-Fassung der Brüder Grimm (die erste Fassung ist aus dem Jahr 1812, die heute bekannte Fassung aus der 5. Auflage von 1857) findet sich die böse Königin im Gegensatz zu den Fassungen von Basile und Perrault nicht mehr. Das Märchen endet mit der Hochzeit Dornröschens mit dem Prinzen. Und ein Unterschied zur Fassung Perraults ist, dass nicht sieben Feen eingeladen werden, sondern zwölf. Die böse Fee ist die dreizehnte.

Interessant ist, dass in allen drei Varianten ein Koch auftritt. Bei Basile und Perrault rettet er die Kinder vor der bösen Königin. Bei Grimm will er dem Küchenjungen eine Ohrfeige geben, wird jedoch durch den hundertjährigen Zauberschlaf zunächst davon abgehalten.

Eine neue Fassung des Märchens gibt es im gleichnamigen Buch von Christian Peitz. Da wird das Märchen von "Dornröschen" in zeitgemäßer Sprache neu erzählt. Peitz erzählt das Märchen, wie man es kennt, nur nimmt er sich mehr Zeit, sowohl für farbige Details als auch für augenzwinkernde Bemerkungen, und so entsteht etwas Neues, ähnlich wie bei Erich Kästners Kinderbuchversion des Märchens Der gestiefelte Kater.

Eine augenzwinkernde Hörspiel-Hommage an das Märchen ist die Geschichte von "Rosdörnchen" auf der CD Märchenhelden unterwegs, ebenfalls von Christian Peitz. Hier bekommt die schlafende Schönheit es nicht mit einem Prinzen zu tun, sondern mit Zwerg Nase.

* Der Falke ist in der italienischen Erzähltradition ein wichtiges Symbol. Die italienischen Märchen und Novellen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert sind einander in Erzählweise und Inhalt recht ähnlich. Basiles Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert ist neben der Novellensammlung von Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert als Standardwerk zu nennen. Paul Heyse hat anhand der Novellensammlung Boccacios die Falkentheorie entwickelt. Es ist davon auszugehen, dass auch bei Basile der Falke nicht zufällig auftaucht. (Link zu Wikipedia)