Samstag, 10. Oktober 2009

Walt Disneys "Schneewittchen"

"Schneewittchen" ist nach einer aktuellen Umfrage das in Deutschland beliebteste Märchen. Das Mädchen, das "so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz" ist, wurde in alten Versionen der Grimm-Sammlung auch "Sneewittchen" (1812) oder "Schneeweißchen" genannt. Bekannt wurde das Märchen auch durch den Spruch der bösen Stiefmutter "Spieglein, Spieglein an der Wand / wer ist die Schönste im ganzen Land". Dies geht scheinbar auf Musäus zurück, der in seinem Märchen "Richhilde" (1782) ebenfalls einen Zauberspiegel beschreibt. Richhilde, eine junge, schöne Witwe, sagt zu ihm den Spruch: "Spiegel blink, Spiegel blank / Goldener Spiegel an der Wand / Zeig mir die schönste Dirn in Brabant." Das Märchen "Schneewittchen" ist sehr bildhaft und wurde sehr häufig illustriert. Und auch der Film entdeckte das Märchen recht früh. 1907 und 1917 wurden Kurzfilme gedreht, in denen Kinder als Zwerge auftraten. 1928 und 1939 gab es bereits Tonfilm-Fassungen. Viele weitere Verfilmungen sollten folgen.

Im Jahr 1937, an Weihnachten, hatte Walt Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge" Premiere. Das Besondere: Es war Disneys erster abendfüllender Zeichentrickfilm, und er sollte einen Stil prägen, dem Disney jahrzehntelang treu blieb, den Musical-Zeichentrickfilm. Disneys "Schneewittchen" ist ein farbenfroher, charmanter, wenn auch hier und da etwas naiver Film. Tiere und Zwerge sind kulleräugig und süßlich, und Schneewittchen selbst singt zu ihrer Beruhigung kitschige Lieder. Ein Highlight des Films ist sicherlich die böse Königin, die in ihrem Hexenlabor gruselige Verwandlungsszenen hat. Auch nach mehr als sieben Jahrzehnten weiß der Film noch zu überzeugen. Einige Szenen haben geradezu klassischen Charakter und wurden oft kopiert und parodiert. Aktuell ist eine neue DVD-Fassung des Films erschienen. Ton und Farben überzeugen, und es gibt allehand interessante Extras.


Interessant ist die Frage, ob dieser Film überhaupt noch ein Märchen ist. Aber diese Frage bezieht sich generell auf Märchenverfilmungen. Durch die Ausgestaltung der Szenen, durch Musik und neue Nebenfiguren verliert die Geschichte ihren märchenhaften Charakter. Märchen und Film sind Formen, die nach unterschiedlichen und einander widersprechenden Regeln funktionieren. Somit ist Walt Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge" zwar kein Märchen, aber ein ungemein sehenswerter Zeichentrickfilm, an dem, wie bei Disney üblich, Kinder und Erwachsene gleichermaßen ihre Freude haben können.

Samstag, 12. September 2009

Der Hase und der Igel

Die Geschichte vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel ist eines der zwölf bekanntesten deutschen Volksmärchen. Populäre Versionen gibt es von den Brüdern Grimm und von Ludwig Bechstein. Was die Moral angeht, ist das Märchen allerdings ziemlich verquer. Der Hase macht sich über den Igel lustig, weil der so krumme Beine hat. Der Igel will ihm nun eine Lektion erteilen und fordert ihn zu einem Wettrennen heraus. Da er gegen den schnellen Hasen keine Chance hat, greift er zu einer List. Seine Frau wartet an der Ziellinie und tut so, als sei sie der Igel. Sie ruft: "Ich bin schon da." (bzw. "Ick bün all hier.") Da Hasen die Igel nicht voneinander unterscheiden können, funktioniert die List. Der Hase kann seine Niederlage nicht ertragen, fordert immer wieder Revanche und im 74. Durchgang des Rennens bricht er tot zusammen.

Das Märchen hat einige, erwähnenswerte Besonderheiten. Zum einen war es in den ursprünglichen Märchensammlungen der Brüder Grimm gar nicht enthalten. Sie ergänzten es erst 1843 in der 5. Auflage. Bechsteins Version stammt aus dem Jahr 1853. Die erste Veröffentlichung des Märchens war die des plattdeutschen Schriftstellers Wilhelm Schröder. Seine Fassung des Volksmärchens "Dat Wettlopen twischen den Hasen un dem Swinegel up de lütje Haide bi Buxtehude", geschrieben in plattdeutscher Sprache, wurde 1840 im Hannoverschen Volksblatt veröffentlicht. Schröder hatte das Märchen in Bexhövede gehört, wo es auch spielte. Aus unerklärlichen Gründen verlegte Schröder jedoch den Handlungsort nach Buxtehude.


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Donnerstag, 23. Juli 2009

Janosch erzählt Grimms Märchen

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Märchenbuch ist eine Enttäuschung. Dass Janosch ein großartiger Erzähler sein kann, ist unbestritten. Gerade die "Tiger und Bär"-Geschichten zeichnen sich durch eine klare, warme und doch auch sehr verschmitzte Sprache aus. Grimms Märchen, die in ihrer Sprache vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß sind, in einer neuen Fassung von Janosch zu veröffentlichen, fand ich als Idee erstmal spannend. Leider jedoch ist das Potential nicht ausgeschöpft. Janosch bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das ganze Buch ist halbherzig und funktioniert nach dem Motto: Masse statt Klasse. Es enthält 54 Märchen, aber keines ist so richtig gut. Meistens greift Janosch stark in die Handlung ein, und die eigentlichen Märchen sind nur noch fragmentarisch erkennbar. Das, was geändert oder hinzugefügt wurde, ist allerdings in den meisten Fällen kein Gewinn. Es gibt hin und wieder Lichtblicke, Stellen zum Schmunzeln und zum Staunen, aber im Großen und Ganzen ist dieses Büchlein zu albern geraten. Die Halbherzigkeit wird schon im Titel sichtbar, denn da hat sich ein dicker Apostroph-Fehler eingeschlichen. Es hätte heißen müssen: "Janosch erzählt Grimms Märchen".

Die Märchen von Beedle, dem Barden

J.K.Rowling, die Autorin der "Harry Potter"-Bücher, hat 2008 ein mit der Welt ihres berühmten Zauberlehrlings in Zusammenhang stehendes Märchenbuch veröffentlicht. Es gibt für dieses Buch zwei Lesarten: Man kann es als "Harry Potter"-Begleitartikel sehen und nutzen, dann liefert es neben fünf netten Märchen auch noch allerlei Begleitwerk. Die zweite Möglichkeit ist, es als "normales" Märchenbuch zu sehen, dann entsteht allerdings das Gefühl, wenig bekommen zu haben. Allerdings ist der Ansatz der J.K.Rowling schon recht spannend. Während die Volksmärchen der Brüder Grimm von Menschen handeln, deren Probleme oft durch Zauberei verursacht oder aber auch gelöst werden, handeln diese Märchen von Zauberern selbst. Diese geraten dann in schwierige Situationen, die nur ohne Zauberei gelöst werden können. Beedle, der Barde, ist hierbei ein fiktiver, Grimm-analoger Märchensammler.

Es gibt fünf Märchen in dem Buch, die alles in allem sehr amüsant zu lesen sind und auch durchaus das Potential zum Märchenklassiker haben. J.K.Rowling trifft meist einen guten Märchenton, der an die Grimmsche Nüchternheit erinnert, aber durchaus auch mal mit augenzwinkernden Bemerkungen aufwartet. Die Begleittexte allerdings sind wohl nur für Potter-Fans interessant.

Für Märchenliebhaber auf der Suche nach zeitgemäßen Märchen ist dieses Buch trotz seiner Kürze eine Anschaffung Wert.